Klinik Rente Personalkongress 2017 Herr Baum By Nils Lucas 2017 W3 A9971

„Krankenhäuser
sind medizinische Daseinsvorsorgestätten“

Personalentwicklung

Von KlinikRente | Fotos: Nils Lucas — 01.12.2017

„Krankenhäuser
sind medizinische Daseinsvorsorgestätten“

Interview mit Georg Baum, Hauptgeschäftsführer der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG)

Es ist viel los an unseren Krankenhäusern: Sie müssen um qualifiziertes Fachpersonal kämpfen und deswegen auf Hochtouren an ihrer Arbeitnehmerfreundlichkeit arbeiten. Sie stehen vor größeren Reformen und brauchen dringend gerechtere Rahmenbedingungen. Einer, der tagtäglich live dabei ist: Georg Baum. Der Hauptgeschäftsführer der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) war viele Jahre in der Gesundheitspolitik beschäftigt und kann unter anderem berichten, was das alles mit der Digitalisierung zu tun hat.


KlinikRente: Herr Baum, wie sehen Sie das Thema „Streiks wegen schlechter Personalausstattung“? Wie kritisch ist die Personalsituation in den Krankenhäusern?

Georg Baum: Die Personalsituation in den Krankenhäusern, insbesondere im Pflegebereich, aber auch im ärztlichen Bereich, ist vielerorts angespannt. Es baut sich ein allgemeiner Pflegenotstand auf. Nicht überall, aber insbesondere dort, wo es um Fachpflegequalifikation geht, etwa auf Intensivstationen. Wir haben insgesamt schätzungsweise bis zu 10.000 freie, nicht besetzte Stellen in der Pflege. An diesem Punkt wird deutlich, dass Krankenhäuser mehr Pflegekräfte einstellen würden, wenn es diese auf dem Arbeitsmarkt auch gäbe. Wir haben also die Situation einer Problematik, die vom Arbeitsmarkt in die Kliniken hineinkommt. Und insofern ist es seitens der Gewerkschaftspolitik die falsche Strategie, über Tarifverträge Personalbesetzungen herbeibomben zu wollen. Ich halte sie auch unter tarifordnungspolitischen Gesichtspunkten für eine äußerst problematische Ausrichtung, obwohl gerichtliche Urteile das anders sehen. Ich spreche davon, dass die Arbeitnehmer Personalbesetzungen per Tarifvertrag zwangsherbeiführen wollen – und das mit Streikandrohung herbeiführen wollen. Ich weiß auch nicht, ob die Gewerkschaften den Krankenkassen und deren Strategien, Krankenhauskapazitäten kleinzuhalten und Krankenhäuser zu schließen, am Ende nicht in die Hände spielen. Denn wenn solche Normen künstlich gesetzt werden, sie aber nicht erfüllt werden können, dann laufen wir Gefahr, Abteilungen und Stationen schließen zu müssen. Und dann sind die Arbeitsplätze ganz weg. Da stellt sich die Frage, ob die Gewerkschaft mit einer solchen Strategie wirklich auf dem richtigen Kurs ist.


Was sind denn die großen Themen der Krankenhäuser für die kommenden Monate?

Für uns sind die großen Reformbaustellen, die im Gesundheitswesen die Diskussion bestimmen, natürlich auch maßgeblich. Das ist zum einen eine Neuordnung, eine vernünftige Aufstellung der ambulanten Notfallversorgung. Da brauchen wir politische und gesetzliche Rahmenbedingungen, die die Realität abbilden. Und die Realität ist, dass die Menschen ambulante Notfallleistungen in erster Linie in den Krankenhäusern an den Wochenenden und abends in Anspruch nehmen. Das heißt, wir brauchen eine institutionelle Absicherung der Arbeit der Krankenhäuser. Der Sicherstellungsauftrag liegt bei den Kassenärztlichen Vereinigungen, die Krankenhäuser machen aber die Arbeit. Hier muss gesetzlich klar zugeordnet werden und wir brauchen eine finanzielle Absicherung. Die Leistungen der Krankenhäuser müssen so kalkuliert und in Gebührenordnungen platziert werden, wie es auch dem Aufwand der Krankenhäuser entspricht. Das andere Reformthema ist für uns die Partizipation an der Vernetzung, an der Sektorübergreifung. Da sehen wir die Krankenhäuser natürlich im Zentrum platziert. Nach uns muss sich eigentlich alles richten, und nicht umgekehrt, wie sich so manche Krankenversicherung und Kassenärztliche Vereinigung das vorstellt.

Die Krankenhäuser sind die medizinischen Daseinsvorsorgestätten, auf die niemand verzichten kann. Stationäre Versorgung wird immer gebraucht. Ambulante Versorgung ist in vielen Ländern bei den Krankenhäusern angesiedelt – viele Länder haben die ambulanten Fachärzte in den Krankenhäusern. Und insofern haben wir die Erwartung, dass im Mittelpunkt aller Vernetzungsüberlegungen immer familiennah das Krankenhaus steht. Das ist der zweite Punkt. Und drittens ist dann die Personalsicherung ein weiteres großes Reformthema. Dazu gehört alles, was uns hilft und unterstützt, die Attraktivität der Berufe im Gesundheitswesen und jetzt wieder an vorderster Stelle die Berufe der Pflege zu steigern. Dafür brauchen wir die finanziellen Rahmenbedingungen: Wir brauchen eine Ausfinanzierung von Tarifkosten in den Krankenhäusern und eine bessere Finanzierung der Ausbildungslasten in den Krankenhäusern.

Und der vierte Punkt, das ist das Bemühen um die Bewältigung der Investitionsmisere. Die Länder müssen mehr geben, wenn auch einige schon aufgestockt haben. Und wir brauchen eine Offensive im Bereich digitale Investition, was ja heute auch maßgeblich den Kongress bestimmt.


Welche besonderen Herausforderungen sehen Sie denn alleine für das Personalmanagement in den Krankenhäusern?

Personalmanagement heißt vor allem Personalorientierung. Wir haben in den Krankenhäusern längst erkannt, dass wir attraktive Arbeitgeber sein müssen. Dass wir alle Mittel und Möglichkeiten einer modernen arbeitnehmerbezogenen Arbeitsplatzorganisation, die für die Arbeitnehmer von Vorteil ist, ausschöpfen müssen. Das reicht von der Organisation der Kinderbetreuung bis hin zur Berücksichtigung familiärer Situationen der Beschäftigten. Zum Beispiel Pflege, die zu Hause zu organisieren ist. Unter dem Stichwort „Personalmanagement“ findet glaube ich in unseren Krankenhäusern inzwischen all das statt, was man als Arbeitnehmer von einem familienfreundlichen Arbeitgeber erwarten würde. Dazu haben wir eine Plattform zum Austausch guter Beispiele.

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Wo sehen Sie denn die größten Herausforderungen in Sachen Digitalisierung?

Die größten Herausforderungen sind zunächst die Investitionen für die IT-Ausstattung, die IT-Implementierung in allen Bereichen und auch in allen Köpfen. Das ist eine große Herausforderung. Da brauchen die Krankenhäuser mehr als das, was über die Investitionsmittel bereitgestellt wird. Von den 3 Milliarden Euro Investitionsmitteln, die die Krankenhäuser von den Ländern bekommen, stehen keine 300 Millionen Euro für Digitalisierung zur Verfügung. Wir stehen aber vor einem Digitalisierungsbedarf, der in die Milliarden geht. Wenn man Cybersicherheit wirklich ernst meint, braucht man alleine für die Organisation der Sicherheit mehr als 1 Milliarde Euro. Deshalb sagen wir, digitale Investitionen müssen Gegenstand eines Sonderinvestitionsprogramms des Bundes sein, das über mehrere Jahre einige Milliarden bereitstellt. Und wir brauchen einen regelhaften Zuschlag auf die Fallpauschalen für den ständigen Betrieb, einschließlich der Sicherheit im IT-Bereich. Mit einer entsprechenden technischen Infrastruktur könnte die ganze Breite der Anwendungsmöglichkeiten voll zur Wirkung kommen.


Stichwort Dr. Watson. Sehen Sie da eine Gefahr für Ärzte? Dass Dr. Watson die Ärzte bald arbeitslos machen könnte?

Die Wissensmehrung in der Medizin hat eine lange Geschichte. Und insofern ist alles das, was mit dem Stichwort Dr. Watson assoziiert wird, zunächst mal Unterstützung für die Medizin. Natürlich gibt es über das Einspeisen von Millionen von Daten Möglichkeiten, Diagnosen differenzierter zu bewerten und Behandlungsstrategien patientenorientierter zu entwickeln. Es gibt technische Diagnostikunterstützungsmöglichkeiten, es gibt Therapieempfehlungen, die aus Software, aus der Technik heraus, direkt dem Arzt – oder vielleicht dem Patienten, bevor er zum Arzt geht – vorgeschlagen werden. Am Ende glaube ich aber, bleibt die Arzt-Patienten-Beziehung unverzichtbar: Das Gespräch mit dem Patienten über seine Krankheit und Nöte ist nicht technisch substituierbar. Und deshalb glaube ich, Dr. Watson ist ein wichtiges Hilfsmittel. Davor brauchen wir keine Angst zu haben. Weder Krankenhäuser noch Krankenhausärzte werden durch Dr. Watson überflüssig, es ist nur eine weitere Arbeitserleichterung. Die medizinischen Optionen werden breiter.

Georg Baum war in seinem Leben unter anderem gesundheitspolitischer Referent der FDP-Bundestagsfraktion und Leiter des Bonner Büros der Betriebskrankenkassen. Bevor Baum 2006 Hauptgeschäftsführer der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) wurde, war er 15 Jahre im BMG tätig. Mit dieser umfassenden Erfahrung ist der Experte für uns genau der richtige Interviewpartner zu den Themen Personalmanagement, Krankenhausreformen und Digitalisierung.