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Computer können Arztbriefe, aber keine Empathie.

Personalentwicklung

Von KlinikRente | Fotos: Nils Lucas — 18.10.2017

Computer können Arztbriefe, aber keine Empathie.

Interview mit Christoph Keese

Deutschland verpasst die Digitalisierung und in der Medizinbranche sieht es besonders düster aus. So sieht es Christoph Keese, Journalist und Autor des Bestsellers „Silicon Germany“. Im Interview spricht er über künstliche Intelligenz, weltweite Datenschätze und weiß anlaufende Großmütter.


KlinikRente: Herr Keese, was bedeutet für Sie digitale Transformation?

Christoph Keese: Das bedeutet, Digitalisierung in umfassendem Sinne zu verstehen und im Betrieb umzusetzen. Digitalisierung in zwei Spielarten: erhaltende Innovation, das heißt, das Stammgeschäft mit digitalen Mitteln besser zu machen. Und disruptive Innovation, das Stammgeschäft mit digitalen Mitteln anzugreifen, bevor es andere tun.


Was würden Sie denn in Deutschland ändern, damit wir hier in digitalen Themen nicht abgehängt werden – oder nicht abgehängt bleiben?

Ich wüsste gar nicht, in welcher Position ich sein müsste, um mit einer Änderung genau das herbeizuführen, was Sie beschreiben. Ich würde sagen, die Hauptlast der Digitalisierung liegt bei den Unternehmen. Da liegen auch die Hauptchancen. Die Unternehmen sind diejenigen Organisationen, die in der Vergangenheit vielleicht am meisten versäumt haben. Die Politik muss auch ihren Beitrag leisten. Sie muss in der Bildungspolitik, bei Universitäten, bei der Gestaltung des Steuer- und Gesellschaftsrechts vieles besser machen. Aber selbst wenn sie das täte und die Unternehmen nichts unternehmen würden, wäre wenig gewonnen. Das heißt, zunächst einmal sind es die Unternehmen. Deswegen haben wir es mit einer Vielzahl von Adressaten zu tun, nämlich eigentlich mit allen Geschäftsführern, allen Vorständen im Land, aber auch mit jedem einzelnen Mitarbeiter. Es gibt auch eine Bringschuld normaler Mitarbeiter, die vielleicht noch ein Stück besser sehen können als bisher, dass ihr Arbeitsplatz sicherer wird, wenn sie sich selber aktiv mit Digitalisierung auseinandersetzen.

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Die Medizin ist ein Bereich, in dem die Digitalisierung immer weiter und auch sehr schnell voranschreitet. Wo sehen Sie denn noch Potenzial in den Verwaltungsprozessen im Krankenhaus? Wie sind wir Ihrer Meinung nach dort aufgestellt?

Die Medizin ist einer der Sektoren, die als am wenigsten digitalisiert gelten, auch wenn man das zunächst nicht denkt. Es gibt Branchen, die deutlich stärker digitalisiert sind. Ich nenne als Beispiel die Medien, oder nehmen Sie Banken, Versicherungen: Dort sind die disruptiven Digitalisierungstendenzen schon deutlich stärker zu erkennen. Sie haben gerade die Verwaltung angesprochen. Denken Sie nur an das nahtlose und friktionslose Durchreichen von Diagnosegrundlagen, Röntgenaufnahmen beispielsweise: Es ist heute noch überhaupt nicht realisiert, obwohl seit vielen Jahren darüber gesprochen wird, dass ein digitaler Satz von Röntgenaufnahmen den Patienten auf seiner Reise durch die niedergelassenen Praxen und die Krankenhäuser begleitet. Das hat natürlich auch Datenschutzkomponenten. Aber vorausgesetzt, man könnte diese Probleme lösen, dann wäre das natürlich der Wunschzustand.

Auch die Gesundheitskarte hat noch nicht das erreicht, was man sich von ihr erhofft hatte. Und damit sind wir noch nicht angekommen bei modernen Diagnoseverfahren, beim Einsatz künstlicher Intelligenz. Die künstliche Intelligenz ist sicherlich die technologische Disziplin, die das Gesundheitswesen in den nächsten fünf Jahren am meisten verändern wird, denn sie wird die Diagnose ganz erheblich verändern. Und die Diagnosequalität gegenüber bisherigen Verfahren, besonders gegenüber menschlicher Diagnose, revolutionär verändern. In zehn Jahren wird man wahrscheinlich sagen, dass es – nicht in allen Disziplinen, aber doch in einigen Disziplinen – fast fahrlässig ist, sich ausschließlich von menschlichen Ärzten diagnostizieren zu lassen. Weil die Diagnosequalität bei bildgebenden Verfahren zum Beispiel durch AI-gestützte Computer deutlich höher ist.


AI, Stichwort „Dr. Watson
– Wie sehen Sie die Entwicklung dieses Produktes von IBM?

Watson ist sozusagen ein Werkzeug. Um mal ein Anwendungsbeispiel zu nehmen: Einige der wertvollsten Schätze, Datenschätze, die es zurzeit auf der Welt gibt, sind Serien-Röntgenaufnahmen oder Mammografieaufnahmen, verknüpft mit den tatsächlichen pathologischen Befunden am Ende der Krankheitsgeschichte. Angenommen, 10 Millionen Frauen werden einer Mammografieuntersuchung unterzogen. Man gibt diese Bilder in einen selbstlernenden Mechanismus und verbindet sie mit den pathologischen Ergebnissen von Krankheitsgeschichten, beispielsweise dem Tod. Wenn man jetzt eine korrekte Analyse der Pathologie am Ende der traurigen Krankheitsgeschichte mit der Original-Mammografieaufnahme genau dieser Patientin zu Beginn dieser Leidensreise verbindet, dann wird der Computer in die Lage versetzt, aufgrund kleiner optischer Merkmale, die für das menschliche Auge kaum sichtbar sind, in den Original-Mammografien präzise Prognosen und Wahrscheinlichkeitsanalysen zu machen. Präziser, als Menschen das heute tun können. Diese Entwicklung kann man bei vielen bildgebenden Verfahren durchdeklinieren.


In den Krankenhäusern und in der Pflege besteht ein Fachkräftemangel. Wie und wo kann die Digitalisierung die Ärzte, HelferInnen und auch die Verwaltung unterstützen?

Die gute Nachricht für alle, die in der Pflege arbeiten, ist, dass die Computer und die Roboter ihnen die Arbeitsplätze in absehbarer Zeit nicht streitig machen werden. Damit meine ich mehr oder weniger die Lebenszeit, die wir überschauen können. Man spricht in der künstlichen Intelligenz von drei unterschiedlichen Feldern: Das eine ist die simple Mustererkennung. Das zweite ist das Handeln auf bekannte Muster, also die Reiz-Reaktions-Schleife. Und das dritte ist alles, was wir Menschen als Empathie bezeichnen. Das sind sozusagen die drei Formen der menschlichen Intelligenz: Mustererkennung, Reiz-Reaktions-Schemata und Empathie. Auf den beiden ersten Gebieten wird massiv geforscht. Beim ersten Gebiet hat die Technik schon einen Grad an Präzision erreicht, der die menschliche Präzision übersteigt. Bei Reiz-Reaktions-Schemata sind wir gerade auf dem Weg, völlig neue Methoden und Techniken zu entwickeln. Aber bei der Empathie ist es so, dass es noch keinen Computer gibt, der Empathie tatsächlich so gut beherrscht wie ein Mensch. Und es wird auch nicht daran geforscht. Das heißt, die Empathie spendende Krankenschwester wird auf absehbare Zeit, während der nächsten 30, 40 Jahre, nicht ersetzt werden.

Eine gute Nachricht für die Krankenpflegerinnen und -pfleger: Sie werden so schnell nicht ersetzt werden können durch Roboter. Schlechte Nachricht vielleicht für die Krankenhäuser, die sich an der Stelle Erleichterung erhoffen. Ganz anders sieht es aus bei diagnostischen Berufen, MTAs, Ärzten etc. Da tritt das ein, was ich gerade geschildert habe. Da kann Technik aus Sicht der Arbeitgeber eine deutliche Erleichterung verschaffen. Aus Sicht der Arbeitnehmer wächst eine neue Konkurrenz, weil es auf der Verwaltungsseite viel Entlastung gibt. Nehmen Sie beispielsweise den Arztbrief oder den Operationsbericht, der meines Wissens heute weitestgehend diktiert und dann hinterher von einer Fachkraft abgetippt wird. Und allen Beteiligten wahrscheinlich nicht besonders viel Spaß macht und von anderen Tätigkeiten ablenkt, die man vielleicht sinnvollerweise während dieser „bürokratischen“ Zeit erledigen könnte. Vielleicht ist es schon bald möglich, dass der Operationsbericht sich mehr oder weniger selbst schreibt. Durch Kameras, die installiert werden, durch Geräusche, die aufgezeichnet werden, durch Bemerkungen, die der Operateur während der Operation macht. Also, da ist auf der Verwaltungsseite mit erheblicher Erleichterung zu rechnen.

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Sie sagen, Deutschland kann alles außer digital“. Was muss man zukünftig können, um seinen Aufgaben nachzukommen?

Böse Zungen behaupten – ich mache mir das nicht zu eigen, aber ich zitiere es –, dass es im Luftverkehr jeden Tag zu einem Absturz kommen würde, wenn er so gering standardisiert wäre wie die Krankenhäuser. Das ist vielleicht etwas übertrieben. Aber wenn man sich mit dem Standardisierungsgrad anderer Branchen beschäftigt und sich dann anschaut, wie wenig die Verfahren in Krankenhäusern standardisiert sind, besonders in Operationssälen, dann sieht man doch einen ganz erheblichen Unterschied, ein erhebliches Gefälle. Da kann die Medizin, gerade in Krankenhäusern, einen großen Schritt nach vorne machen, indem sie standardisierte Verfahren einführt und die Datenbasis breit zur Verfügung stellt, sodass aus der Datenbasis weltumspannend und krankenhaus- und länderübergreifend Schlussfolgerungen gezogen werden, die sich bisher nicht schlussfolgern lassen. Künstliche Intelligenz kann beispielsweise auch dabei helfen, die Zahl der Infektionen im Krankenhaus durch Keime zu verringern. Einfach indem man auf Weltbasis analysiert, welche Konstellationen, welche Temperaturen, der Einsatz welcher Reinigungsmittel, welche Takte und Techniken bei der Reinigung zu welchen Ergebnissen geführt haben. Da verbirgt sich im Datenschatz der Welt unerkanntes und unerschlossenes Fachwissen, das gehoben werden kann.


Wenn Sie hinsichtlich der Digitalisierung in Deutschland drei Wünsche frei hätten, welche wären das?

Gute Frage. Erstens, die Bundesregierung löst im Zusammenhang mit den großen Kapitalsammelstellen das Wagniskapitalproblem. Wir haben zu wenig Wagniskapital in Deutschland. Das ist das Geld, das die Start-ups benötigen. Zweitens, es wird zum positiv anerkannten Leitbild, wenn junge Menschen sich nicht von einem Großkonzern anstellen lassen, sondern ihre eigene Firma aufmachen. Die Großmutter darf nicht vor Schreck weiß anlaufen, wenn der Enkel mitteilt: „Ich mache eine Firma auf“, weil sie glaubt, der hat es nicht zu Daimler geschafft. Sondern sie muss stolz sein und fragen, ob sie Aktien kaufen darf. Und der dritte Punkt wäre, dass das Publikum neugieriger wird auf Innovationen und ein Stück weit das wahr wird, was die FDP auf ihre Wahlplakate geschrieben hat: Digital first, Bedenken second. Das ist ein ziemlich guter Spruch. Das heißt nicht, dass man keine Bedenken haben darf. Das bedeutet aber, dass der Entdeckertrieb vielleicht zunächst mal an erster Stelle steht.


Was ist denn nach Ihrem Bestseller
Silicon Germany Ihr nächstes Projekt?

Das nächste Projekt erscheint zur Buchmesse des nächsten Jahres und ich habe gerade mit dem Schreiben begonnen. Der Arbeitstitel lautet „Disrupt yourself“ und es handelt von dem Menschen in der Digitalisierung. Und zwar nicht dahingehend, was schon vielfach beschrieben worden ist – wie verändert das Handy unseren Alltag und werden wir alle süchtig nach unserem iPad? Darum geht es gar nicht, sondern es geht um viel grundlegendere Effekte. Was bedeutet es, frage ich mich, wenn 47 Prozent aller Berufe verschwinden werden? Was in allen einschlägigen Studien steht, was jeder von uns in der Zeitung, auch in den Medien, im Fernsehen, ständig zu hören bekommt. Also 47 Prozent der Deutschen erfahren ständig, dass die Digitalisierung ihre Berufe vernichten wird. Das kann man entweder ernst nehmen oder nicht ernst nehmen. Wenn man es ernst nimmt, muss man ja ins Grübeln kommen und vielleicht auch Angst entwickeln. Die Digitalisierung ruft uns ständig zu: „Du musst dein Leben ändern! Du musst dich disruptieren! Es wird alles anders.“

Nun sind wir aber selber sehr konservative Tiere. Wir mögen es eigentlich gar nicht, wenn wir uns ändern müssen. Wie gehen wir damit jetzt um, dass uns die ganze Welt abverlangt „Ändere dich!“, wir in Wahrheit aber stolz sind auf das Erreichte und stolz sind auf die Fähigkeiten. Was wir gerade durch die Digitalisierung erleben, ist eine fundamentale Entwertung all dessen, was wir für wertvoll halten: Unsere Ausbildung, unseren bisherigen Lebensweg, unsere Expertise, unsere Funktion. Das soll plötzlich alles keine Rolle mehr spielen. Ich gehöre ja selber zu den Apologeten, die das fordern. Aber dieses neue Buch bringt eine weitere Reflexionsschleife hinein. Was bewirkt das eigentlich bei Menschen, die das, was ich zum Beispiel sage, die ganze Zeit zu hören bekommen? Und das hat eine zweischneidige Folge: Auf der einen Seite ist es ja richtig, was gesagt wird. Es wird uns nichts anderes übrig bleiben, als das zu tun. Deswegen ist „Disrupt yourself“ eine Aufforderung. Es ist gleichzeitig aber auch eine Umarmung, ein In-Schutz-Nehmen, ein Verstehen, eine Handlungsanleitung, wie wir mit uns selber umgehen können, um diesem enormen psychologischen Entwertungsdruck unserer bisherigen Tätigkeit standzuhalten.


Christoph Keese, ist seit Kurzem CEO der Axel Springer hy GmbH. Davor war er Manager beim Medienunternehmen Axel Springer und trieb in dieser Funktion die Digitalisierungsstrategie des Unternehmens voran. Keese ist gelernter Volkswirt und seit den 80er-Jahren Journalist. Er war unter anderem Chefredakteur der „Financial Times Deutschland“, der „Welt am Sonntag“ und von „Welt Online“. Sein neues Buch „Silicon Germany. Wie wir die digitale Transformation schaffen“ wurde im Herbst 2016 mit dem Deutschen Wirtschaftsbuchpreis ausgezeichnet.